Ostfildern/Ahaus, 03.11.2026 (PresseBox) – Die Baubranche erhoffte sich von der Bundesregierung in der laufenden Legislaturperiode eine deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Damit einher ging der Wunsch nach spürbarem Abbau technokratischer Hürden, die vor allem das Bauen mit Holz erschweren. Zeit für eine Zwischenbilanz: Hat die Politik genug getan, um das Bauen in Deutschland wieder attraktiv zu machen? Was muss am besten noch in dieser Legislaturperiode geschehen, damit die Baubranche insgesamt sowie der Holzbau im Besonderen den erhofften Aufwind verspüren?

Wir sprachen mit Frank Lewers, Vizepräsident des Deutschen Holzfertigbau-Verbandes (DHV, Ostfildern; https://d-h-v.de) und Geschäftsführer bei Terhalle Holzbau in Ahaus (https://www.terhalle.de) über Zukunftsfragen und die Möglichkeiten des mittelständisch geprägten Wirtschaftsverbandes, für eine optimale Ausgangsposition seiner Mitgliedsfirmen bei der Markterschließung zu sorgen.

Redaktion: Welche Marktentwicklung erwarten Sie beim mehrgeschossigen Wohnungsbau in den nächsten Jahren? Und: Wie können DHV-Mitglieder von einer allgemein verstärkten Nachfrage nach Gebäuden aus Holz profitieren?

Frank Lewers, DHV: Ich würde die Entwicklung zweigeteilt sehen: Kurzfristig bleibt der mehrgeschossige Wohnungsbau schwierig, mittel- bis langfristig sprechen Wohnraumbedarf und die zunehmende Akzeptanz des Holzbaus aber für gute Chancen. Auch wenn 2026 kein Boomjahr ist, so wird sich nach meinem Dafürhalten in 2027 die Projektpipeline erholen. Dabei dürfte allerdings der hohe Kosten- und Finanzierungsdruck bestehen bleiben. Sofern die Zinsen, Baukosten und Finanzierungen kalkulierbarer werden, dürfte sich die Nachfrage erheblich verbessern. Mittelfristig wird es vermutlich eine strukturelle Nachfrage insbesondere in Wachstumsregionen und Ballungsräumen geben.

Profitieren können DHV-Mitglieder vom mehrgeschossigen Holzbau, wenn sie nicht einfach nur mehr Holz verkaufen, sondern einen größeren Anteil der Wertschöpfung und der Projektverantwortung übernehmen. Vorteilhaft ist, wenn die Betriebe vom ausführenden Unternehmen zum Systemanbieter werden. Wer Planung, Statik, Werkplanung, Vorfertigung, Logistik und Montage aus einer Hand anbieten kann, wird für Projektentwickler wesentlich attraktiver. Gerade im mehrgeschossigen Holzbau sind frühe Planung und Standardisierung entscheidend.

Damit die Holzbau-Branche allerdings erfolgreich durchstarten kann, müssen die Erwartungen, die mit der Ernennung von Verena Hubertz zur Bundesbauministerin verbunden waren, schneller umgesetzt werden. Es hat sich etwas bewegt – aber längst noch nicht genug. Der Bau-Turbo allein macht noch keine Bauwende! Wir brauchen mehr Vertrauen in die Leistungsfähigkeit moderner Bauweisen und weniger Regulierung über Detailvorschriften. Was mir derzeit noch fehlt, ist eine konsequente Gesamtstrategie. Wir reden sehr viel über einzelne Gesetze und Förderprogramme. Was wir brauchen, ist jedoch ein konsistentes System des Bauens, das von der Planung über die Genehmigung bis zur Ausführung funktioniert.

Redaktion: Wie beurteilen Sie die Chance, dem schleichenden Verfall im Gebäudebestand durch serielles Sanieren mit Holzbauelementen Herr zu werden? Wie wichtig ist und wird dieses Segment für die DHV-Mitglieder heute und in Zukunft?

Frank Lewers, DHV: Serielles Sanieren mit vorgefertigten Holzbauelementen verbindet mehrere Entwicklungen, die sich derzeit gegenseitig verstärken: den großen energetischen Sanierungsbedarf, den Fachkräftemangel, den Kostendruck und den Wunsch nach kürzeren Bauzeiten.

Für DHV-Mitglieder bedeutet das eine große Chance. Wer früh Kompetenzen in BIM/digitaler Bestandsaufnahme, Elementplanung, Vorfertigung und gewerkeübergreifender Projektabwicklung aufbaut, dürfte einen erheblichen Wettbewerbsvorteil haben.

Serielles Sanieren mit Holzbauelementen kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, den Sanierungsstau im Gebäudebestand zu bewältigen. Für die Holzbaubranche ist es wahrscheinlich eines der wichtigsten Wachstumsfelder der kommenden Jahre – vorausgesetzt, die Betriebe entwickeln sich vom klassischen Handwerksbetrieb zum industrialisierten Sanierungs- und Systemanbieter weiter.

Redaktion: Stichwort Wohnraumgewinnung durch Aufstockung von Bestandsgebäuden: In welchem Umfang engagieren sich die DHV-Mitglieder in diesem Marktsegment? Und: Findet eine koordinierte Marktbearbeitung von Holzbauunternehmen im DHV und Anbietern anderer Gewerke (z.B. Dachdecker) statt?

Frank Lewers, DHV: Aus Erhebungen der B+L Marktdaten GmbH und anderer Marktforschungsinstitute wissen wir, dass in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern – zum Beispiel Bonn oder Hannover – etwa jedes vierte Gebäude, das bauseits über ein Flachdach verfügt, aufgestockt werden kann. Möglich wären bei hinreichender Tragkraft des Baukörpers oftmals sogar zwei Vollgeschosse!

Dieses enorme Potenzial zu heben, gelingt mit maßgenau vorgefertigten Wand-, Zwischendecken- und Dachelementen aus Holz in denkbar kurzer Zeit. Vorfertigung und Elementierung machen es dabei möglich, große Gebäudeteile per Kran selbst bei dichter Umbauung zu platzieren, sodass praktisch keine innerstädtische Fläche auf Bestandsgebäuden, die über ein Flachdach und hinreichende Tragkraft verfügen, ungenutzt bleiben muss. Die DHV-Mitgliedsfirmen stehen bereit, wesentlich mehr innerstädtische Aufstockungen als bisher durchzuführen. Durch die strategischen Aufstockungen wird kein zusätzliches Bauland benötigt, sodass dadurch auch auf weitere Versiegelungen verzichtet werden kann.

Redaktion:  Die anhaltende Wohnungsknappheit lässt immer mehr Bauunternehmen Raummodule anbieten, die zu größeren Einheiten miteinander kombiniert und kurzfristig errichtet werden können. Wie halten es die DHV-Mitglieder mit der Holzmodulbauweise?

Frank Lewers, DHV: Wenn Gebäude schnell und kostengünstig errichtet werden sollen, ist die Modulbauweise ein interessanter Weg. Einige DHV-Mitgliedsunternehmen haben damit bereits Erfahrungen gesammelt, sei es im Hotelbau, bei der Errichtung von Studentenwohnheimen, beim Bau von Schulen und Kasernen, im mehrgeschossigen Wohnungsbau und anderen Anwendungen mehr. Wir beobachten als Verband die Nachfrageentwicklung sehr genau, um unsere Mitgliedsfirmen mit differenzierten Empfehlungen zu unterstützen.

Redaktion: Der Neubausektor hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert: Wo vormals die Erschließung von Baugebieten für neue Ein- und Zweifamilienhäuser auf der Tagesordnung stand, entscheiden Städte und Kommunen heute immer öfter über die Bebauung mit mehrgeschossigen Gebäuden aus Holz, die teils bis an die Hochhausgrenze reichen. Klar ist, dass sich dadurch das Erscheinungsbild vieler Gemeinden ändert. Auch von serieller Sanierung im Bestand war vor wenigen Jahren kaum die Rede. Was uns zum Abschluss dieses Interviews fragen lässt: Wie gestaltet sich die Bau-Zukunft aus Sicht des DHV?  Hat der Deutsche Holzfertigbau-Verband seine innerverbandlichen Strukturen an die veränderte Marktlage hinreichend angepasst?

Frank Lewers, DHV: Der Wandel im Baugeschehen ist tiefgreifend – und er betrifft die Holzbaubranche und somit alle DHV-Betriebe in besonderem Maße. Der klassische Ein- und Zweifamilienhausbau bleibt zwar ein wichtiger Teil des Marktes, aber die Zukunft des Holzbaus wird deutlich vielfältiger sein. Mehrgeschossiger Holzbau, Aufstockungen, Nachverdichtung, serielles Bauen und die serielle Sanierung des Gebäudebestands eröffnen neue Geschäftsfelder, die vor wenigen Jahren noch eher als Nischen galten. Die Holzbaubranche hat auf diese Entwicklung reagiert.

Der DHV und seine Mitgliedsbetriebe beschäftigen sich heute wesentlich intensiver mit Fragen des mehrgeschossigen Holzbaus, des Brandschutzes, der Digitalisierung, der Vorfertigung und der Standardisierung. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an die Betriebe: Aus dem klassischen Holzbaubetrieb wird zunehmend ein hochgradig digitalisierter und industriell organisierter Anbieter, der Planung, Fertigung, Logistik und Montage stärker miteinander verzahnt. Die Zukunft des Holzbaus sehe ich deshalb nicht in einem Entweder-oder zwischen traditionellem Handwerk und industrieller Fertigung. Beides wird gebraucht. Die Stärke der Branche liegt gerade in der Verbindung von handwerklichem Know-how, digitaler Planung und industrieller Vorfertigung. Kleinere und mittlere DHV-Betriebe werden weiterhin individuelle Projekte realisieren, während größere DHV-Unternehmen, die zunehmend auch kooperieren, standardisierte Systeme für größere Bauaufgaben anbieten können.

Besonders spannend ist dabei die Entwicklung im Bestand. Wenn künftig ein erheblicher Teil der Bauleistung nicht mehr auf der grünen Wiese, sondern an bestehenden Gebäuden stattfindet, kann der Holzbau seine Stärken bei Aufstockungen, Fassadenelementen, energetischen Sanierungen und der Nachverdichtung ausspielen. Das eröffnet der Branche einen Markt, der langfristig immer weniger von der Zahl neu ausgewiesener Baugebiete abhängig ist.

Ich glaube deshalb, dass wir vor einem strukturellen Wandel des Holzbaus stehen. Der Holzbau wird vom spezialisierten Anbieter einer bestimmten Bauweise zunehmend zu einem Systemanbieter für nachhaltiges Bauen und Sanieren. Dabei wird es nicht allein darauf ankommen, möglichst viel Holz einzusetzen, sondern den richtigen Baustoff an der richtigen Stelle einzubauen. Damit meine ich hybride Bauweisen mit zum Beispiel Stahl und Beton. Entscheidend wird sein, Lösungen zu entwickeln, die wirtschaftlich, schnell, ressourcenschonend und städtebaulich überzeugend sind.

Die Bauzukunft wird aus Sicht der Holzbaubranche daher vermutlich stärker von Nachverdichtung, Mehrgeschossigkeit, Sanierung, Aufstockung, Vorfertigung und Digitalisierung geprägt sein. Holz hat dafür hervorragende Voraussetzungen. Die entscheidende Frage ist weniger, ob Holz diese Entwicklung mitgehen kann, sondern ob es den Verbandsmitgliedern des DHV gelingt, die dafür notwendigen Strukturen, Produktionskapazitäten und Qualifikationen rechtzeitig aufzubauen.

Abschließend würde ich mir wünschen, dass die Politik das Thema „Recht auf Wohnen“ auch als ein Menschenrecht versteht, die notwendigen Rahmenbedingungen dafür schafft, das Bauen großzügiger unterstützt und planbarer begleitet.

Redaktion: Herzlichen Dank für Ihre Einschätzung des Marktgeschehens und die Informationen zur zukünftigen Ausrichtung des Deutschen Holzfertigbau-Verbandes, dem mittlerweile weit über 300 Betriebe aller Größen als Voll- und Fördermitglieder angehören.

Mit DHV-Vizepräsident Frank Lewers sprach Achim Dathe, Baufachjournalist abp.

Wissenswertes über den Deutschen Holzfertigbau-Verband

Mit zusammen über 300 Mitgliedsbetrieben bilden der Deutsche Holzfertigbau-Verband e.V. (DHV, Ostfildern; https://d-h-v.de), die Vereinigung ZimmerMeisterHaus (ZMH, Schwäbisch Hall; https://www.zmh.com) und das Netzwerk 81fünf high-tech & holzbau AG (Lüneburg; https://www.81fuenf.de) eine leistungsstarke Gemeinschaft, die übereinstimmende Interessen gegenüber Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gebündelt artikuliert. Größte Organisation in diesem Verbund ist der DHV, der als zentrales Sprachrohr fungiert. Zu den Mitgliedsunternehmen der drei holzwirtschaftlichen Verbände, die das Bauen in Deutschland nachhaltig mitgestalten, zählen Holzfertigbaubetriebe, Architektur- und Planungsbüros sowie Zulieferfirmen aller baubeteiligten Gewerke. Darüber hinaus gehören Sägewerke, Baumaschinenhersteller sowie Dienstleister aus bauaffinen Branchen wie zum Beispiel Gebäude-Energieberater, Statiker, Softwareentwickler, Vermessungs-ingenieure und Medienvertreter dem holzwirtschaftlichen Interessenverbund an. Das gemeinsame Ziel heißt Holzbau komplett: von der Beratung über die Planung und Vorfertigung bis zur bezugsbereiten Ausführung von Wohnhäusern, Büro-, Gewerbe- und Zweckbauten in allen erdenklichen Formen und Größen.