Berlin/Ostfildern, 01.09.2026 (PresseBox) – Die Ernennung von Verena Hubertz zur Bundesbauministerin im Mai 2025 weckte in der Baubranche – insbesondere im Holzbau – große Hoffnungen. Erwartet wurde unter anderem die forcierte Vereinheitlichung der Landesbauordnungen, eine spürbare Entbürokratisierung des Bauantragswesens, die Eindämmung der Normenflut, die Verkürzung der Baugenehmigungsverfahren, die Rückführung der überbordenden Dokumentationspflichten auf ein unverzichtbares Mindestmaß sowie der Abbau technokratischer Hürden, die vor allem das Bauen mit Holz unnötig erschweren. Haben sie sich erfüllt?

Wie sieht der Deutsche Holzfertigbau-Verband die Entwicklung des nachhaltigen Bauens in Deutschland seit der letzten Bundestagswahl? Und: Was muss sich noch in dieser Legislaturperiode ändern, damit die Baubranche insgesamt sowie der Holzbau im Besonderen wieder Aufwind verspüren? Wir sprachen mit dem DHV-Repräsentanten Ahmed al Samarraie über Zukunftsfragen und die Möglichkeiten des mittelständisch geprägten Wirtschaftsverbandes, für eine optimale Ausgangsposition seiner Mitgliedsfirmen bei der Markterschließung zu sorgen.

Redaktion: Welche Marktentwicklung erwarten Sie beim mehrgeschossigen Wohnungsbau in den nächsten Jahren? Und: Wie können DHV-Mitglieder von einer allgemein verstärkten Nachfrage nach Gebäuden aus Holz kontinuierlich profitieren?

DHV: Angesichts des enormen Wohnungsbedarfs ist es schwer erklärlich, warum die Nachfrage sowohl im Neubaubereich als auch im Bestand – mit möglicher Bestandsertüchtigung, Aufstockungen, Anbauten und Umwidmungen zum Beispiel von ungenutzten Bürobauten – so schleppend verläuft. Ich sehe großes Potenzial in all diesen Bereichen, so auch im mehrgeschossigen Wohnungsbau insbesondere in Städten, die erheblichen Wohnraumbedarf aufweisen. Unsere Betriebe müssen sich am Markt mit dem Portfolio ihrer Möglichkeiten eigentlich nur sichtbar machen. Vorfertigung, serielles und modulares Bauen mit Holz wird sich weiter und stärker entwickeln. Unsere Betriebe können dabei von dem gemeinsamen, über Jahrzehnte gewachsenen Wissenstand und von den durch unsere politische Arbeit kontinuierlich verbesserten Rahmenbedingungen profitieren.

Redaktion: Wie beurteilen Sie die Chance, dem schleichenden Verfall im Gebäudebestand durch serielles Sanieren mit Holzbauelementen Herr zu werden? Wie wichtig ist und wird dieses Segment für die DHV-Mitglieder heute und in Zukunft?

DHV: Das ist eine herausragende Chance, sowohl ökologisch als auch ökonomisch, unseren immensen Gebäudebestand in den nächsten Jahrzehnten zu ertüchtigen und diesen sowohl klimaresistent als auch im Betrieb möglichst CO2-neutral zu bekommen. Wir sprechen von ca. 20 Millionen Wohneinheiten, die unmittelbar geeignet sind, dauerhaft ertüchtigt zu werden. Dafür bietet sich insbesondere das mittlerweile bewährte und auch von immer mehr DHV-Unternehmen praktizierte ‘Serielle Sanieren‘ an: Der Einsatz von vorgefertigten Holzbauelementen funktioniert präzise, kostensicher und mit niedrigstem Baustellenimpact. Zahlreiche Beispiele unserer Unternehmen sind da eine gute Referenz.

Redaktion: Stichwort Wohnraumgewinnung durch Aufstockung von Bestandsgebäuden: In welchem Umfang engagieren sich die DHV-Mitglieder in diesem Marktsegment? Und: Findet eine koordinierte Marktbearbeitung von Holzbauunternehmen im DHV und Anbietern anderer Gewerke (z.B. Dachdecker) statt?

DHV: Hierzu gibt es langjährige Erfahrungen unserer Unternehmen, wenngleich eine koordinierte und damit auch fokussierte Marktbearbeitung nicht stattfindet. Im Einzelfall ja, aber wir bleiben da unter unseren Möglichkeiten, wenn man bedenkt, dass Aufstockungen mittels seriell vorgefertigter Elemente oder gar ganzer Module eigentlich eine originäre Domäne unsere Branche sind. Kein Bausystem ist dazu besser geeignet.

Redaktion:  Die anhaltende Wohnungsknappheit lässt immer mehr Bauunternehmen Raummodule anbieten, die sich miteinander zu größeren Einheiten kombinieren lassen und frappierend schnell errichtet werden können. Die Zeitersparnis im Vergleich zu konventionellen Bauausführungen soll 40 bis 70 Prozent betragen. Wie halten es die DHV-Mitglieder mit der Holzmodulbauweise? Und: Ist auf diesem Weg eine spürbare Entspannung der Lage am Wohnungsmarkt zu erwarten?    

DHV: Einige Unternehmen haben mittlerweile schon ihre Fertigungsanlagen um spezielle Produktionsstätten für Module erweitert. Das sind natürlich Investitionen in nicht ganz unerheblichen Größenordnungen und daher auch nicht ganz einfache Entscheidungen, die angesichts der schleppenden Konjunktur wohlüberlegt sein wollen. Es liegt weder an den Möglichkeiten noch am Willen unserer Unternehmer, mit Holzmodulbauweisen einen entscheidenden Beitrag zur Lösung der Wohnungsknappheit zu leisten. Vielmehr fehlt es an Entscheidungen der Investoren – ob privat oder öffentlich –, an einer zuverlässigen, durchaus niederschwelligen Förderkulisse und an der „Aufbruchstimmung“, um alle Hebel zu nutzen.

Redaktion: Der Neubausektor hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert: Wo vormals die Erschließung von Baugebieten für neue Ein- und Zweifamilienhäuser auf der Tagesordnung stand, entscheiden Städte und Kommunen heute immer öfter über die Bebauung mit mehrgeschossigen Gebäuden, die teils bis an die Hochhausgrenze reichen. Klar ist, dass sich dadurch das Erscheinungsbild vieler Gemeinden ändert. Auch von serieller Sanierung im Bestand und Gebäuden, die aus standardisierten Holzmodulen bestehen und sich deutlich schneller als in jeder anderen Bauweise bezugsfertig errichten lassen, war vor wenigen Jahren kaum die Rede. Was uns zum Abschluss dieses Sommerinterviews fragen lässt: Inwiefern hat der Deutsche Holzfertigbau-Verband seine innerverbandlichen Strukturen an die veränderte Marktlage angepasst? Wie gestaltet sich die Bau-Zukunft aus Sicht des DHV?  

DHV: Der DHV hat seine Strukturen nicht zwingend angepasst, sondern – als einer der Motoren für die Entwicklung im Bauwesen – die aktuelle Marktlage bauseitig mitgestaltet. Alle vorgenannten Themen wurden und werden im Verband auf verschiedensten Ebenen bearbeitet. Technische Lösungen gemeinsam zu entwickeln, ist ein Markenkern des DHV. Insbesondere ist der Arbeitskreis Technik ein Reallabor – gerade in den Bereichen Brandschutz, Anschlüsse, Feuchteschutz, Montage und Produktionstechniken sowie für die Umsetzung von BIM im gesamten Planungs- und Bauprozess. Gemeinsam mit unseren hauptamtlichen Mitarbeitern sind unsere Unternehmer selber oder mit ihren leitenden Fachleuten an der Entwicklung unmittelbar beteiligt.

Das Ganze auch in baupolitischer Hinsicht zu begleiten, Regulatorik mitzugestalten, positiv Einfluss zu nehmen und hinzuwirken auf verbesserte Rahmenbedingungen für den Holzfertigbau, ist die Aufgabe des Hauptstadtbüros in Abstimmung mit dem Arbeitskreis Verbandspolitik sowie dem Strategie- und Lenkungskreis, der als interner Thinktank wirkt. In jedem Fall gehört zur Bauzukunft des DHV die Weiterentwicklung von Holzfertigbauweisen für ein immer größer werdendes Spektrum an Bauaufgaben, was sich ja auch am wachsenden Marktanteil ablesen lässt. Zur Bestandsertüchtigung, der Nachverdichtung und der Forcierung von nachhaltigem und mehr zirkulärem Bauen kommen zukünftig verstärkt noch bauliche Angebote hinzu, die sich den Herausforderungen des Klimawandels gerade innerstädtisch stellen. Auch hier hat Holz zum Beispiel in Kombination mit Dach- und/oder Fassadenbegrünung ausgesprochen positive Eigenschaften.

Redaktion: Herzlichen Dank für Ihre Einschätzung des Marktgeschehens und die Informationen zur zukünftigen Ausrichtung des DHV, dem mittlerweile weit über 300 Betriebe aller Größen als Voll- und Fördermitglieder angehören.

Mit Ahmed al Samarraie, Leiter des DHV-Hauptstadtbüros in Berlin, sprach Achim Dathe, Baufachjournalist abp. Das Interview fand im August 2026 statt.

Wissenswertes über den Deutschen Holzfertigbau-Verband

Mit zusammen weit über 300 Mitgliedsbetrieben bilden der Deutsche Holzfertigbau-Verband e.V. (DHV, Ostfildern; https://d-h-v.de), die Vereinigung ZimmerMeisterHaus (ZMH, Schwäbisch Hall; https://www.zmh.com) und das Netzwerk 81fünf high-tech & holzbau AG (Lüneburg; https://www.81fuenf.de) eine leistungsstarke Gemeinschaft, die übereinstimmende Interessen gegenüber Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gebündelt artikuliert. Größte Organisation in diesem Verbund ist der DHV, der als zentrales Sprachrohr fungiert. Zu den Mitgliedsunternehmen der drei holzwirtschaftlichen Verbände, die das Bauen in Deutschland nachhaltig mitgestalten, zählen Holzfertigbaubetriebe, Architektur- und Planungsbüros sowie Zulieferfirmen aller baubeteiligten Gewerke. Darüber hinaus gehören Sägewerke, Baumaschinenhersteller sowie Dienstleister aus bauaffinen Branchen wie zum Beispiel Gebäude-Energieberater, Statiker, Softwareentwickler, Vermessungs-ingenieure und Medienvertreter dem holzwirtschaftlichen Interessenverbund an. Das gemeinsame Ziel heißt Holzbau komplett: von der Beratung über die Planung und Vorfertigung bis zur bezugsbereiten Ausführung von Wohnhäusern, Büro-, Gewerbe- und Zweckbauten in allen erdenklichen Formen und Größen.